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Newsletter Juni 2021

Räume statt Parochie?

Die Prozesse für die Umsetzung der Landesstellenplanung laufen in den Dekanaten und nun wird sichtbar, welche Veränderungen damit für die Gemeinden anstehen. Es wird gerungen um Gemeinde- und Funktionsstellen, um Schwerpunkte und Abschiede. Unzählige Stunden in Planungsgruppen und Ausschüssen sind nötig, um die zugesagte Beteiligung der Menschen in den Gemeinden zu ermöglichen.

Unsere Zweifel, ob das der richtige Weg ist, werden immer größer!

Wo bleibt der ursprüngliche Gedanke von PuK, sich theologisch auszutauschen über den zukünftigen Weg unserer Kirche? Aus unserer Sicht ist er bereits festgelegt und bespielt zukünftig Räume statt lokal begrenzte Einheiten. Wir hatten von Anfang an angemahnt, Räume nicht nur überparochial zu denken, sondern auch zu schauen, wie die Ortsgemeinden ihre Räume vor Ort nutzen und bespielen. Selbstverständlich, so wurde uns damals versichert, würde das berücksichtigt. Allerdings sehen wir davon so gut wie nichts. Räume werden völlig unkritisch überparochial gedacht und damit gegen die Arbeit einer Ortsgemeinde ausgespielt. Wir finden das sehr bedenklich. Fakt ist doch – und das haben zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und besonders eindeutig die letzte Kirchenmitgliedschaftsstudie  nachgewiesen -, dass die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde mit der Verbundenheit mit der evangelischen Kirche gleichzusetzen ist. Gerade während der Pandemie wurde deutlich, dass das Potenzial zur Aufrechterhaltung des kirchlichen Lebens bei den Ortsgemeinden liegt. 

Ist unser Eindruck falsch, dass Dekanate mit einem Mal zu Großgemeinden werden, die über den Dekanatsausschuss bestimmen, welche Bereiche mit Stellen ausgestattet werden und welche nicht?

Wo bleibt da die Selbständigkeit einer Kirchengemeinde als eigene Körperschaft? Wie geht ein Kirchenvorstand damit um, wenn ein Teilkontingent der bisherigen Stellen gestrichen wird, dafür aber überparochial die Jugendarbeit, Öffentlichkeitsarbeit oder Seniorenarbeit mit einer Stelle besetzt werden mit dem Auftrag, in mehreren Gemeinden diesen Dienst zu übernehmen? Wo bleibt die Selbständigkeit einer Gemeinde, wenn sie zu Kooperationen gezwungen wird, weil sonst der Geld- und Stellenhahn zugedreht wird? Nein, wir haben nichts gegen Kooperationen, solange sie die Handlungsfähigkeit der einzelnen Gemeinen stärken und fördern.

Uns würde sehr interessieren, wie die Stärkung der mittleren Ebene aussehen wird, sprich das Dekanat, sich zukünftig versteht? Für uns stand bisher fest, dass ein Dekanat nicht Gemeinde ist. Inzwischen aber greifen dekanatliche Ebenen massiv in die Gemeindearbeit ein. Für uns war immer wichtig, den Kirchenvorstand in seiner Leitungsverantwortung ernst zu nehmen und wir haben dabei manchen Gegenwind erlebt. Gut so! Es sind schließlich die Menschen vor Ort, die die Verantwortung für das kirchliche Leben ihres Lebensumfeldes bestimmen sollten. Schließlich sind sie es, die mit ihren Kirchensteuern dieses Leben auch ermöglichen.

Sollte das jetzt anders sein?

„Um Gottes Willen“, hören wir die Einwände, „natürlich nicht!“ Aber hat ein Kirchenvorstand noch eine echte Wahl, wenn entweder Arbeitsbereiche gekappt werden müssen oder eben überparochial erledigt werden sollten? Hat ein Kirchenvorstand eine Wahl, wenn er am Tropf der Landeskirche hängt, der Geldhahn der gemeindlichen Zuweisungen immer weiter zugedreht wird und die Spielräume für Investitionen in Menschen immer kleiner werden?

Ja, wir haben in den nächsten Jahren viel zu wenig Nachwuchs im Bereich der theologisch und theologisch-pädagogisch Mitarbeitenden. Und vielleicht gehen auch nach 30 Jahren der Unheilsprophetie (die nie eingetreten ist; ganz im Gegenteil) auch wirklich die Einnahmen durch Kirchensteuerzahlungen zurück. Aber dann halten wir es für fatal, ausgerechnet an der Stelle zu sparen, die –so hoffen wir – in der allgemeinen Sicht die Basis unserer Kirche bildet. Und wir sind uns sicher, dass wir auch in Zeiten personeller Engpässe Menschen in den Gemeinden finden, die einzelne Arbeitsbereiche in Eigenverantwortung übernehmen, wenn sie dafür auch eine finanzielle Anerkennung bekommen. Dazu müssten allerdings die Gemeinden entsprechend finanzielle Spielräume erhalten. Wenn man die Ortsgemeinden ernstnimmt, muss man ihnen auch die finanziellen und personellen Mittel lassen, die für ihre Arbeit nötig sind. Ansonsten werden wir noch mehr unserer Kirchenmitglieder verlieren. Mit Recht weist Jürgen Moltmann darauf hin: „Die…übergemeindlichen Organisationen nehmen den konkreten Gemeinden ihre Selbstständigkeit und oft auch ihre Eigenverantwortlichkeit…“[1]

Ein erster Schritt wäre, die Gemeinden, deren Stellen nicht besetzt werden können, finanziell zu unterstützen mit den Mitteln, die sonst für die Stelleninhaber hätten aufgewendet werden müssen. Der bisher angedachte Betrag für eine länger dauernde Vakanz ist – man gestatte uns die saloppe Ausdrucksweise – ein Witz! Unseres Erachtens wäre das gleichzeitig ein schönes Zeichen, die Eigenständigkeit der Ortsgemeinden ernst zu nehmen und zu stärken und nicht in den Abgesang des Parochialprinzips mit einzustimmen. Wir geben die Hoffnung nicht auf…

Karl-Friedrich Wackerbarth, Pfarrer, 2. Vorsitzender des Gemeindebundes, Landessynodaler

Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan i.R., 1. Vorsitzender des Gemeindebundes
V.i.S.d.P.

[1] Jürgen Moltmann, Kirche in der Kraft des Geistes, S.361

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