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2. Newsletter 2020

Newsletter November 2020

Systemrelevant...

… vielleicht das Wort des Jahres. Warum auch nicht, wird doch deutlich, was die Fundamente unseres Lebens, unserer Gesellschaft sind, auch unseres kirchlichen Lebens. Das ist meine erste These: Systemrelevant für unsere Kirche waren und sind in Zeiten der Pandemie die Kirchengemeinden. Was für eine Kreativität war da wahrzunehmen: das Einkaufen für Menschen mit großem Risiko, Fahrten zum Arzt, gut organisierte Nachbarschaftshilfe, Kinderbetreuung, wenn beide Elternteile in die Arbeit mussten und die Kitas geschlossen waren, telefonische Nachfragen bei älteren oder einsamen Gemeindegliedern, Besuche (Pfarrerinnen und Pfarrer durften das beim Lockdown), Glockenläuten und Singen, manches Mal auch mit dem Posaunenchor quer durch die Gemeinde – auf einzelnen Balkonen oder offenen Fenstern jeden Abend. So vielen Menschen hat das geholfen und so viele hat das getröstet. Oder die Obdachlosenhilfe in Nürnberg im Haus Eckstein unter der Leitung einer Diakonin und mit vielen Ehrenamtlichen.  Früher war das ein Frühstück, jetzt werden mit Lebensmitteln gepackte Tüten zum Fenster heruntergelassen und weit über 200 Menschen ist geholfen. Ich denke auch an den Kantor, der mit seiner Frau in der leeren Kapelle eines Altenheimes gespielt und gesungen hat und in jedem Zimmer dieses Hauses konnte man zuhören oder mitsingen. „Alles ist an Gottes Segen“ – so wurde das Evangelium in die Zimmer dieses Altenheimes gespielt und gesungen. Und so manchen, der verzweifelt war, weil er keinen Besuch mehr bekommen durfte, hat das getröstet. Erstaunlich auch, wie – nachdem die Kirchen für Gottesdienste geschlossen waren – die Videogottesdienste angenommen wurden, gerade diejenigen aus der eigenen Gemeinde. Eine große Verbundenheit zur eigenen Gemeinde war deutlich zu spüren. Es gibt unzählige Beispiele mehr, was Kirchengemeinden in dieser Zeit leisten. Es reicht nicht, sie dafür zu loben oder zu beklatschen ohne ihnen die notwendigen finanziellen Mittel zu gewähren. Es sind doch große Einnahmeverluste zu verzeichnen, z.B. durch fehlende Gottesdiensteinlagen. Was wäre das für ein gutes Zeichen gewesen, wenn die Landeskirche solche Verluste aufgefangen hätte, einen Rettungsschirm für die vielen Ausfälle installiert hätte. Nein, es reicht nicht, die Kirchengemeinden  für systemrelevant zu halten, sie aber dann abzuqualifizieren, wie es in den elf Leitsätzen der EKD sehr deutlich geschieht. Professor Olaf Groh-Samberg, der Sprecher des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt, resümiert: „Die Krise hat zudem vor allem auf lokaler Ebene gezeigt, dass es einen Zusammenhalt gibt.“[1] Das gilt in beindruckender Weise auch für Kirchengemeinden und nicht nur in Coronazeiten, sondern überhaupt. Von daher lautet meine zweite These: Systemrelevant für unser Kirche sind in erster Linie die einzelnen Kirchengemeinden. Wesentlich ist die viel beschworene Nähe zu den Menschen. Dort, wo der Taufstein steht, wo Brot und Wein geteilt wird, da wird Gemeinde gebaut. Es ist ja wohl vom Gemeindebund nichts anderes zu erwarten, als dass er die Priorität auf die Gemeinde vor Ort legt. Dafür wurden von uns immer wieder und mit Nachdruck  theologische wie soziologische Argumente ins Feld geführt. Mit wachsender Sorge sehen wir eine immer stärker werdende Marginalisierung der Ortsgemeinde. Die „Elf Leitsätze“ der EKD zur Zukunft der Kirche sind ein unrühmlicher Höhepunkt. Anscheinend hat man nichts gelernt aus der Diskussion um das Reformpapier der EKD „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahr 2006: Wieder ein Top-Down-Prozess, wieder apodiktische Sprache,  wieder –  ohne irgendwelche Nachweise zu liefern – die Behauptung:“ Parochiale Strukturen  werden ihre dominierende Stellung als kirchliches Organisationsprinzip verlieren.“  Die wesentlichen Kritikpunkte an diesen „Elf Leitsätzen“ hat der ehemalige Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD Gerhard Wegener überzeugend zusammengefasst.[2]  Weitere Punkte lassen sich leicht anführen:
z.B. der geringere Anteil der Kirchengemeinden an finanziellen Mitteln. Trotz erheblicher Steigerung der Kirchensteuereinnahmen der ELKB ist der Anteil, den Kirchengemeinden erhalten, gesunken. Man kann eine Kirche auch durch die Verteilung finanzieller Mittel verändern wie es im letzten Jahrzehnt deutlich in Bayern zu beobachten war. Der Vorwurf, der dem Gemeindebund wiederholt gemacht wurde, es gehe ihm nur ums Geld, ist falsch und viel zu kurz gesprungen. Es geht uns um das Kirchenbild und das sollte nicht auf finanziellem Weg verändert werden. Es reicht nicht die Bedeutung der Kirchengemeinden zu würdigen, aber sie dann doch abzuqualifizieren, indem ihr die notwendigen Mittel verweigert werden. Ein weiterer Kritikpunkt ist der drohende Landesstellenplan. Dekan Jörg Sichelstiel hat in der Eingabe an die Synode vom 9.2.2020 auf die ungleiche Behandlung des Dienstes in den Kirchengemeinden/Dekanatsbezirken und dem landesweiten Dienst hingewiesen:  Die Kürzung um 10% wird unterschiedlich berechnet und umgesetzt: im Dienst der Kirchengemeinden und Dekanatsbezirken durch eine Kürzung der Stellenzahl, im landesweiten Dienst durch eine Budgetkürzung“. Nein, der Gemeindebund ist nicht, wie ihm auch immer wieder vorgeworfen wird, ein Gegner der landesweiten Stellen. Viele sind für Gemeinden wichtig und wertvoll. Über manche lässt sich diskutieren, auch über das Verhältnis zwischen landesweiten Stellen und Gemeindestellen, das sich in den letzten Jahren zu Ungunsten der Gemeinden entwickelt hat.  Manchmal scheint es so, als würde allein durch die Diskussion darüber oder Nachfragen, ein Sakrileg begangen werden. Ich halte die angedachten Rahmenbedingungen für den neuen Landesstellenplan für systemzerstörend. Alle 5 Jahre, wie es OKR Reimers vorgeschlagen hat, 10% der Stellen zu streichen, zerstört die Arbeit an der Basis. Und man verzichtet auf die kreative Kraft der versammelten Gemeinde,  die schon so manche Krise in der Kirche  bewältigen konnte. Nur nebenbei: die meisten produktiven Reformbewegungen und Aufbrüche gingen von der Basis aus. Die drohende Personalnot in unserer Kirche kann nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden. Stimmt. Aber alternative Lösaungsansätze mit dieser Not umzugehen, sollte man nicht aus den Augen verlieren. Der Gemeindebund hat einen Vorschlag gemacht, den Sie im Anhang an diesen Newsletter  noch einmal lesen können. 

Ich habe bis heute nicht verstanden, was für ein Interesse dahintersteckt, die Bedeutung der Parochien so in Misskredit zu bringen oder gar, wie es die elf Leitsätze vermuten lassen, sie zu zerschlagen. Warum – und da wird die ganze Einschätzung unredlich – verschweigt man bei den Reformpapieren die Ergebnisse der neuesten Kirchenmitgliedschaftsstudie (KMU V). Bei früheren Reformbewegungen hat man diese gerne als Argumente vorgebracht, aber jetzt scheinen diese Ergebnisse nicht ins Konzept zu passen. Nach dieser Untersuchung müssten die parochial verfassten Ortsgemeinden der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform sein. Die Verbundenheit mit der evangelischen Kirche ist mit der Verbundenheit zur Ortsgemeinde gleichzusetzen, so fasst Gerhard Wegener, der Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen: „Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft“. Oder anders ausgedrückt: Systemrelevant für unsere Kirche sind die Kirchengemeinden. Die Coronakrise hat deutlich gezeigt, wo die Stärken unserer Kirche sind. Zentrale Lösungen sind nur bedingt tauglich. Es geht um Nähe und darum auch um eine Kirche, die in der Fläche bleibt. Eine Kirche der „Armen“, der Benachteiligten und Vergessenen, der Gescheiterten, der Alten und der Nicht -Mobilen sollten wir bleiben und werden. Zentralkirchen und Kausalagenturen sind nicht die richtige Antwort. Die Nähe zu den Menschen braucht eine Kirche der „kurzen Wege“.

Gerhard Schoenauer

1,Vorsitzender des Gemeindebundes Bayern

Anhang:

Unser Vorschlag für den Landesstellenplan, der ganz andere Akzente setzt als eine zehnprozentige Kürzung;:Wir denken konsequent von der Basis, von den Gemeinden her und wollen doch das Ganze nicht aus dem Blick verlieren.

Ich denke mit Schaudern daran, wie viele Kräfte bei der Umsetzung eines neuen Landesstellenplanes gebunden, wie viele Sitzungen in verschiedenen Gremien abgehalten werden müssen, wie viele Verletzungen es geben wird, wieviel kostbare Zeit und wieviel finanzielle Mittel dafür aufgebracht werden müssen. Viele Stellen könnten so sinnvoller eingesetzt werden. Deshalb ist unser Vorschlag:

  • Es werden keine Stellen gekürzt. Alle Stellen bleiben erhalten, große Zuwachsgebiete müssen mehr Stellen bekommen – aber da kann ohne große Landesstellenplanung reagiert werden.
  • Die zu erwartenden Vakanzen werden in einem Dekanat durch ein rotierendes Verfahren geschultert. Das bedeutet: Keine Stelle wird gekürzt. Der Dekanatsausschuss beschließt, welche Pfarrstellen vakant bleiben und nicht ausgeschrieben werden. Es wird nicht immer die gleiche Stelle treffen, so dass für die Gemeindeglieder die Hoffnung bestehen bleibt, auch in unserer Gemeinde wird wieder einmal ein Pfarrer, eine Pfarrerin ihren Dienst tun können.
  • Damit es gerecht zugeht, wird eine Vakanzquote für alle Dekanate eingeführt (8,5 % oder mehr) – wie es sie schon einmal in unserer Landeskirche gegeben hat. Dadurch wird gewährleistet, dass in jedem Dekanat eine vergleichbare Situation besteht.
  • Das Gehalt der Pfarrerinnen und Pfarrer erhält bei einer Vakanz die Gemeinde (vielleicht auch ohne den Anteil, der durch den Religionsunterricht erworben wird). Gemeinden sind sehr kreativ und können mit diesen finanziellen Mitteln ihre Gemeindearbeit besser aufrechterhalten, z.B. die Sekretärinnenstunden aufstocken, eine Jugendmitarbeiterin befristet einstellen, Kooperationen anbahnen usw.
  • Die Pfarrerin, der Pfarrer, die eine Vakanz zu vertreten haben, werden vom Religionsunterricht befreit. Freilich ist zu prüfen, ob der Religionsunterricht dann aufrechterhalten werden kann.

Wir wollen uns nicht bannen lassen von dem Diktat der ausgerechneten Möglichkeiten. Wer sich nur an Zahlen festhält und seine Entscheidungen davon abhängig macht, spricht die Gegenwart heilig, verrät aber die Zukunft.

Als Fazit der 5. Kirchenmitgliedschaftsstudie hält die Theologieprofessorin Isolde Karle fest: „Eine Kirchenreform im umfassenden Sinn ist nicht indiziert. Vieles läuft gut in der evangelischen Kirche, sie kann an Bewährtes anschließen. Behutsame Korrekturen sind hier und da erforderlich, aber dabei geht es um eine sensible Feinsteuerung, nicht um grundsätzliche Innovationen und Strukturveränderungen (s. lsolde Karle, Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh, 2015, S. 127)

[1] Spiegelausgabe vom 26.8.20

[2] Attacke auf die Ortsgemeinde. Die „Elf Leitsätze“ der ED, in: Korrespondenzblatt Nr. 10 Oktober 2020

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