Ekklesiologie - Die Lehre von der KircheReformprozesse

„Freiheit, Verantwortung, Zivilcourage – Auf dem Weg zu einer Gemeindekirche in ökumenischer Offenheit“

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Der Dietrich-Bonhoeffer-Verein vertritt – wie unser Forum – das Leitbild einer Gemeindekirche. Bei der Herbsttagung des Vereins in Halle traten die Differenzen zum Reformprozess der EKD offen zutage. Lesen Sie unten auch den Kommentar von Pfr. Martin Kleineidam vom AEE-Bayern.

„Mit dem Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, Herrn Dr. Thies Gundlach, konnte der Dietrich-Bonhoeffer-Verein e.V. für seine Herbsttagung vom 21. bis 23. September 2012 in Halle (Saale) einen prominenten Referenten für den Einstiegsvortrag gewinnen. Thies Gundlach fiel es zu, unter dem Titel „Kirche der Freiheit – Perspektiven für die Ev. Kirche im 21. Jahrhundert“ das von ihm wesentlich mit erarbeitete Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ von 2006 in Kurzform darzustellen sowie die sich daraus bis dato abgeleiteten Entwicklungen zu skizzieren.

Bereits in den einführenden Worten der Tagungsorganisation sowie des Referenten selbst wurde hervorgehoben, dass erhebliche Differenzen zwischen den Positionen des Impulspapiers sowie den Einschätzungen des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins bestünden. Diese Vorbemerkungen erhielten geradezu prophetischen Charakter dadurch, dass in der dem Vortrag anschließenden Aussprache des Auditoriums mit dem Referenten die unterschiedlichen Haltungen stellenweise sehr scharf gegeneinander gestellt wurden.“

Lesen Sie hier den ganzen Bericht von der Tagung von Daniel Baldig.

Pfr. Martin Kleineidam, der Sprecher des Arbeitskreises Evangelische Erneuerung (AEE-Bayern) war bei der Tagung und schrieb in den „Berichten und Kommentaren“ des Arbeitskreises Nr. 1/2013:

„Die Reaktionen auf den Vortrag des Vizepräsidenten der EKD bei der Tagung des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins in Halle waren heftig. Dass der Hauptabteilungsleiter für kirchliche Handlungsfelder und Bildung, Thies Gundlach,  das Auditorium derart gegen sich aufbringen würde, konnte vorab niemand wissen. Die Lage spitzte sich am darauffolgenden Tag noch zu, als vier Vertreter einer Leuchtfeuer-Fusionsgemeinde spontan bei der Tagung auftauchten. Ihnen wurde eine eigene AG gewährt, damit ihr Leid ein Forum fände.

Das Problem, das viele Reformer hierzulande schon des längeren gefühlt haben, ist nun offen auf dem Tisch. Die Kirchenleitung kritisiert das Theologiedefizit der Kirche, misstraut den als reformunmündig gedachten Gemeinden, stellt das prophetische Amt gezielt hinten an und damit auch all jene Reformgruppen, die im Sinne Bonhoeffers in der Verantwortung vor Gott die Kirche Jesu Christi gestalten und Einfluss auf die Gesellschaft nehmen wollen.

Gundlach knüpfte mit seiner Rede von der dreifachen babylonischen Gefangenschaft der Evangelischen Kirche an Luther an und will 2014 gezielt in Barmen tagen. Mit diesen Ansätzen beansprucht er einen Platz im Festsaal der Reformation, obwohl doch dort das prophetische Amt eine mindestens gleichrangige Stellung neben Lobgesang und Seelsorge hatte. Kein Wunder also, dass dieser Vortrag im Geist des dominant gehaltenen priesterlichen und königlichen Amtes ganz besonders zynisch auf die knapp fünfzig Vertreterinnen und Vertreter deutscher Reformgruppen wirken musste.

Die Reformer ihrerseits sehen die theologische Grundleitung nicht in Hannover oder in einem neu entstehenden Zentrum in Berlin sondern in den Gemeinden als Keimzelle der Kirche. Ihr Vorwurf lautet: Die schwache EKD-Kirchenleitung will die mittlere Ebene dazu benutzen, um Reformen durchzuführen, die die Menschen nicht haben wollen. Die Kritik an Gundlachs operationalisierter Zukunftsvision ließ am Ende der Tagung sogar der Ruf nach einer Erneuerung der Bekennenden Kirche laut werde.

Wer als Spiritus Rektor der „Kirche der Freiheit“ eine Theologievergessenheit der Kirche kritisiert, muss sich angesichts dieser heftigen Reaktionen fragen lassen, ob er nicht selbst an Theologiedefiziten leidet, wenn er Kirche und deren Zukunft mit Zentren und durch die mittlere Ebene managen will. „Wettbewerb“, „Top-Down-Prozesse“ oder „Kommunikationsgemeinschaft“ sind jedenfalls Vokabeln aus Wirtschaft und Gesellschaft. Die Muttersprache von Theologie und Kirche ist eine andere.“

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