Aktionstage

1. Aktionstag

„Aufklärung“, so definiert Immanuel Kant, „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Das könnte auch das Motto eines „Aktionstages“ sein, der sich die Parole „Aufbruch Gemeinde“ auf die Fahnen schreibt. In diesem Fall hieße „selbstverschuldete Unmündigkeit“, dass zuerst einmal gefragt wird, wie denn die Ortsgemeinden mitsamt ihren Pfarrern und Pfarrerinnen selbst zum Verlust ihres Ansehens beigetragen haben. (Prof. Christian Möller)

Inhalt: Eröffnungsvortrag; Zur Visitation; Von der Betreuungskirche; zurück

Der Eröffnungsvortrag von Christian Möller:

„Dass eine christliche Gemeinde Recht und Macht habe…“

Martin Luther

Mit meinem Referat möchte ich gern die Ortsgemeinden mitsamt ihren Pfarrern und Pfarrerinnen wie auch ihren Kirchenvorstehern und Kirchenvorsteherinnen zu einem neuen Selbstbewusstsein ermutigen, damit sie den permanenten Diffamierungen der Ortsgemeinde widerstehen können, die sich dann auch handfest in Stellenkürzungen und verminderten Mittelzuweisungen auswirken. Schlimmer aber als diese Kürzungen erscheint mir die Resignation, die häufig durch die Ortsgemeinden schleicht und dazu führt, dass einer nach der anderen sich zu fragen beginnt: Vielleicht sind wir ja wirklich „milieuverengt“, „immobil“ und zu wenig „professionell“? Vielleicht sind wir ja wirklich nur „Amateure“, die mit den Profis nicht mithalten können!?

Bei einem „Aufbruch Gemeinde“ könnte etwas Ähnliches wie in Max Frischs Theaterstück „Andorra“ geschehen, wo einem Jungen permanent vorgeworfen wird, er sei wie ein Jude. Schließlich bricht es aus diesem Jungen heraus: „Dann bin ich eben ein Jude!“ In dieser Weise könnten die Ortsgemeinden aufbrechen und sagen: „Dann sind wir eben Amateure!“ Und das heißt im ursprünglichen Sinn des Wortes nichts anderes als Liebhaber, Liebhaber der Kirche am Ort! Die Gemeindebriefe von Amateuren müssen nicht professionelle Hochglanzbroschüren sein, sondern dürfen gern einfachen Briefen ähneln, die von Liebhabern an mögliche Liebhaber geschrieben sind. Kirchenchöre von Amateuren müssen keine Konzertchöre sein, sondern dürfen gern den Gesangvereinen im Dorf ähneln oder Gospelchöre von begeisterten Anfängern sein. Gottesdienste von Amateuren sind keine professionell gestalteten Eventangebote für lustige Leute. Hier wird vielmehr das Geheimnis der Menschwerdung Christi am Kreuz gefeiert, und das so einfach und klar wie möglich, denn hier wird mit allen am Ort Gottesdienst gefeiert und mit allen gemeinsam am Ort gelebt, die sich durch den Ruf der Glocken einladen lassen.

Wenn bei dem „Aufbruch Gemeinde“ so ein Selbstbewusstsein in den Gemeinden wächst, werden sich die praktischen Folgen wie von selbst einstellen: Einer Gemeinde gelingt dies, der anderen gelingt das. „Eine Gemeinde ahme die andere frei nach“ (M. Luther) und lasse sich zugleich durch besonders erfolgreiche und wachsende Gemeinden nicht unter Druck setzen! Das gilt auch für die praktischen Konsequenzen, die ich für einen „Aufbruch Gemeinde“ als möglich ansehe. Nur drei seien exemplarisch genannt:

  1. Es gilt, die Evangelische Kirche als eine von unten her aufgebaute Gemeindekirche wieder zu entdecken, die ihre nachbarschaftliche Gestalt in den Ortsgemeinden als Kirche der kurzen Wege, ihr Gesicht in den festlich gefeierten Gottesdiensten, ihren Klang in den zum Gebet rufenden Glocken, ihren Mund in mündigen Haus- und Initiativkreisen, ihre Hände in aktiven Gruppen und Besuchsdiensten und ihre Ohren in der Aufmerksamkeit für Gottes Gegenwart gewinnen. Es ist alles dagegen zu tun, dass die Evangelische Kirche immer gesichtsloser wird, je mehr sie sich in mittlere und höchste Ebenen, in Verwaltung und in Gremien zurückzieht und dabei in inhaltsloser Werbesprache, in Verwaltungserlassen und in technokratischen Fachbegriffen verstummt.
  2. Dem Auseinanderdriften von überparochialen Diensten und Parochien kann dadurch gewehrt werden, dass möglichst jeder übergemeindliche Dienst mit einem begrenzten Gemeindedienst vor Ort verbunden wird. Dadurch könnte auch manche kleinere Pfarrstelle vor Halbierung oder gar Streichung bewahrt werden, wenn der Spezialist oder die Spezialistin zugleich mit einer halben Pfarrstelle vor Ort angestellt werden.
  3. Das Geld der Kirche wird dort verwaltet und verteilt, wo es herkommt: in den Ortsgemeinden. In der Lutherischen Kirche Schwedens z.B. gibt es nur Mitgliedsbeiträge an die Ortsgemeinden. Sie bleiben zu 90% in der Gemeinde. 10 Prozent werden an die Gesamtkirche abgegeben. Ein erster Schritt in diese Richtung sollte in der Evangelischen Kirche Deutschlands unverzüglich darin bestehen, dass einer Ortsgemeinde vom Landeskirchenamt mitgeteilt wird, wie hoch ihr Kirchensteueraufkommen ist. Weitere Schritte bis zu einer endgültigen Finanzhoheit der Gemeinden werden folgen, damit aus Betreuungsgemeinden ganz konkret und materiell Beteiligungsgemeinden werden und reichere mit ärmeren Gemeinden in einer Region teilen können.

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Grundsätzliches zur Visitation/ Von Dekan Dr. Gerhard Schoenauer

Visitatio – das ist ein geistlicher „Besuchsdienst“, um einander zu begleiten und zu stärken. Man hört gemeinsam auf das Wort Gottes und berät den geistlichen Weg der Gemeinde vor Ort. Diese Praxis gehörte zu den Wesensmerkmalen der neutestamentlichen Gemeinden. Der Apostel Paulus mit seiner unermüdlichen Besuchstätigkeit ist hier an erster Stelle zu nennen. Besonders deutlich wird das im ersten Korintherbrief: „Der Brief mutet an wie eine Art ‚Visitationsbericht‘ an die Korinther, nicht von einer Behörde (welch ein Abstand!), wohl aber von einem Apostel, der allen, die zu visitieren haben und visitiert werden, gewiesen hat, wie ein Apostel visitiert und dass alle Kirchenleitung nicht anders sein sollte als solche Visitation!“ Für die Reformation war die Visitation ein grundlegendes Element, um die christliche Gemeinde aus dem Evangelium zu bauen.
Eine besondere Bedeutung hatte die Visitation für die Bekennende Kirche. Nur so war es möglich, sich gegenseitig des rechten Bekenntnisses zu versichern und den Anfeindungen zu widerstehen. Die intensive Begegnung zwischen der Gesamtkirche und den Gemeinden am Ort sowie der zwischengemeindliche Austausch dienen der Sammlung, der Sendung und der Auferbauung sowohl der Ortskirche als auch der Kirche insgesamt. So kann man sagen: Einerseits haben die Gemeinden ein Recht auf Visitation. Sie haben ein Recht darauf, von der Kirchenleitung besucht, gefördert und gestärkt zu werden. Andererseits hat die Kirchenleitung die Pflicht, die Gemeinden zu visitieren. Sie hat die Pflicht ihr kirchenleitendes Handeln von dem leiten zu lassen, was in den Gemeinden geschieht und was die Gemeinden im Innersten berührt. Weil die Visitation einen unschätzbaren Wert für die innere und äußere Stärkung der Kirche hat, genießt sie zu Recht Verfassungsrang.

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Von der Betreuungskirche zur Beteiligungskirche/ Von Dr. Martin Hoffmann

In der bestehenden Krise der Kirche, ihrem Mitgliederschwund, ihrer Überalterung, ihrem Verlust an finanzieller Stärke und an Relevanz in der Gesellschaft, reicht eine Reform der Finanzverteilung nicht aus. Die Kirche steht insgesamt vor einem Systemwandel.

Die Kirche muss sich verändern, um wieder Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft zu erlangen. Sie muss sich wandeln von einer Betreuungskirche hin zu einer Beteiligungskirche. Eine Betreuungskirche denkt von oben her: Wie steuern wir die Kirche von der Zentrale aus, wie versorgen wir das Volk religiös, wie verteilen wir die vorhandenen Finanzen? Das ist ein paternalistisches System, das das Kirchenvolk letztlich zum Versorgungsobjekt degradiert. Eine Beteiligungskirche denkt von unten her: Sie ist Kirche durch das Volk. Sie besteht aus selbstständigen Gemeinden, zu denen sich Menschen aufgrund ihres Glaubens halten, bewusst Ja sagen und darum auch dazu bereit sind, diese Gemeinde finanziell mit zu tragen. Beteiligung heißt, dass Menschen in den Gemeinden auch die Freiheit haben, über ihre aufgebrachten Finanzen selbst zu entscheiden. Beteiligung heißt ebenso die Verantwortung zu übernehmen, auch für unangenehme Maßnahmen oder Einschnitte, wenn es darauf ankommt. Erst dann wird die Beteiligung auch zur Mündigkeit. Dieses Gemeindeprinzip müssen wir in der Kirche stark machen – weil es unserem evangelischen Glauben entspricht und weil es auch finanziell einen Weg in dürftigeren Zeiten weisen kann. Wie kann das konkret aussehen?

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Hintergründe und Links:
Aufbruch Gemeinde. Zu einer aktuellen Initiative in Bayern/ Von Dr. Martin Hoffmann
(Vortrag in der Diakoniewissenschaftlichen Sozietät an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau am 21.1.2009)
„Gemeindebund Berlin“
Presse:
Mehr Rechte den Gemeinden
 – Neue innerkirchliche Opposition kritisiert Evangelische Landeskirche – Die Leitung der evangelischen Landeskirche gerät unter Beschuss aus den eigenen Reihen. (Münchner Sonntagsblatt Nr. 42/2008)
Werden die Gemeinden gegängelt? Gerhard Schoenauer vom Forum »Aufbruch Gemeinde« im Gespräch mit Oberkirchenrat Peter Hübner
 (Münchner Sonntagsblatt Nr. 47/2008)