Standpunkte "Kirche wohin?" - Hauptreferat von Christian
Nürnberger
...
Nun höre ich, dass
es hier in diesem Kreis nun aber wirklich um Aufbruch geht
und um Bestrebungen, sich vom übermächtigen Landeskirchenamt
abzukoppeln, weil man es satt hat, sich von München aus
disziplinieren und gängeln zu lassen, und weil der dortige
Wasserkopf seine Existenzberechtigung mit Bergen von Papier
nachzuweisen sucht, unter dem der einzelne Pfarrer begraben
und dadurch gehindert wird, seiner eigentlichen Arbeit
nachzugehen. Man will also weg von der Bischofskirche, hin
zur Gemeindekirche.
Wenn das so ist,
dann haben diese Bestrebungen im Grundsätzlichen meine
Sympathie, wenngleich ich nicht weiß, wie das dann in der
Praxis aussehen könnte. Prinzipiell gefällt mir daran, dass
nach einer Periode, in der die da unten immerzu von denen da
oben unter Rechtfertigungszwang gestellt wurden, jetzt
einmal der Spieß umgedreht und die Existenzberechtigung von
denen da oben hinterfragt wird.
Davon abgesehen
halte ich das Bestreben, Macht und Geld von oben nach unten
zu verlagern, generell für die richtige Forderung der
Stunde, und zwar sowohl für das politische wie für das
kirchliche Gemeinwesen, denn alle Spatzen pfeifen doch
längst von den Dächern, dass die herkömmliche Art, in der
bei uns regiert wird, am Ende ist.
Politiker haben gar
nicht mehr die Macht, Zukunft zu gestalten, und das bekommen
wir fast täglich vorgeführt. Merkel und Steinmeier fahren
vor der Wahl nach Rüsselsheim, um Opel zu retten, und nach
der Wahl erfahren wir, dass sie das gar nicht können. Herr
Seehofer fährt nach Fürth, um Quelle zu retten, und wenige
Wochen später ist dort Ausverkauf. Das kannten wir alles
schon von der Holzmann-Rettung durch Schröder.
Regierende, die gar
nicht mehr regieren und nur noch so tun als ob, brauchen wir
nicht. Die kosten nur Geld und verzögern Entscheidungen.
Verlagert also das
Geld und die Entscheidungskompetenz nach unten, dorthin, wo
das Geld erwirtschaftet wird, und dorthin, wo wir täglich
unter den ungelösten Problemen zu leiden haben, also in die
Gemeinden. Natürlich brauchen wir auch weiterhin
übergeordnete Instanzen und auch die EU, aber diese
Instanzen, und nicht die Gemeinden, sind zu verschlanken und
auszudünnen. Keine Kirche braucht Werbung, PR, Plakate,
Profilneurotiker und Eventmanager. Keine Regierung und kein
Land braucht einen Wirtschaftsminister, dem seit 30 Jahren
nichts anderes einfällt als der Satz: Der Markt, der Markt,
der hat immer recht.
Und statt einer
Professionalisierung in der Kirche brauchen wir das
Gegenteil, nämlich eine neue Laisierung, und nicht nur in
der Kirche, sondern auch in der Politik. Demokratie ist
keine Kleriker-, Profi- und Expertenherrschaft, sondern
Volksherrschaft, und Kirche ist das Priestertum aller
Gläubigen. Daher brauchen wir weniger Berufspolitiker und
weniger Berufskleriker, und dafür mehr Laien, vor allem
solche, die auf ein gelebtes Leben außerhalb der Politik und
Kirche zurückblicken.
Da draußen im Volk,
unter den sogenannten Laien, schlummert ein ungehobener
Schatz für unser Land. Grabt ihn aus, es gibt ihn in jeder
Gemeinde. Wer diesen Schatz hebt, wird imstande sein, vor
Ort die meisten der Probleme zu lösen, die Politiker nicht
in den Griff kriegen.
Lesen Sie den ganzen Vortrag.

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"Statt einer Professionalisierung in der Kirche brauchen
wir das Gegenteil, nämlich eine neue Laisierung, und nicht
nur in der Kirche, sondern auch in der Politik. Demokratie
ist keine Kleriker-, Profi- und Expertenherrschaft, sondern
Volksherrschaft, und Kirche ist das Priestertum aller
Gläubigen. Daher brauchen wir weniger Berufspolitiker und
weniger Berufskleriker, und dafür mehr Laien, vor allem
solche, die auf ein gelebtes Leben außerhalb der Politik und
Kirche zurückblicken."
Christian Nürnberger
studierte einige
Semester ev. Theologie, Philosophie und Pädagogik, absolvierte
die Hamburger Henri-Nannen-Schule und begann seine
journalistische Praxis als Lokalreporter bei der Frankfurter
Rundschau. Später war er Redakteur beim Wirtschaftsmagazin
Capital und Textchef bei highTech. Seit 1990 ist er als freier
Autor (unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit)
und als Publizist tätig.
Lesen Sie außerdem von Christian
Nürnberger:
Warum McKinsey für die Kirche keine Lösung ist/
Von Christian Nürnberger
(Vortrag beim 34.
Rhein. Pfarrerinnen- und Pfarrertag am 3. November 2003 in Bonn)

Es kann der Frömmste nicht in Frieden beten
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wenn ihm die Kirche nicht Controller schickt: Eine neue
Richtlinie will aus dem protestantischen Pfarrhaus ein
weisungsabhängiges Dienstleistungszentrum machen/ Von Christian
Nürnberger (SZ vom 2. Feb. 2002)
Bücher von Christian Nürnberger
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